Hirsch Lewin und seine Schallplattenlabel "Semer"

Hirsch Lewin wurde im Oktober 1892 in Oszmyani, einem kleinen Dorf in der Nähe von Vilnius in Litauen, geboren. Nach Erinnerungen seines Sohns, Zeev Lewin, lebte er in recht einfachen Verhältnissen. Er besuchte die jüdische Schule in Chedaer und Yeshive. Lewin sprach Russisch und später lernter er auch Deutsch. Er arbeite als Verkäufer in einer Textilfirma und reiste sehr viel.

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges im Jahr 1915 besetzte die deutsche Armee Litauen und Teile Russlands. Hirsch Lewin wurde als „ziviler Gefangener“ nach Deutschland verschleppt. Er musste in Hannover für die Firma Hanomag Lokomotiven montieren. Als der Erste Weltkrieg zu Ende war, bekam er von der Firma ein Arbeitszeugnis ausgestellt. Es wurde ihm sogar angeboten weiter für die Firma Hanomag zu arbeiten, da seine Arbeit sehr zufriedenstellend war.

Lewin entschloss sich aber anders und bekam eine Anstellung in Berlin in einer hebräischen Buchhandlung in der Grenadierstraße 34 im Scheunenviertel. Später wurde er Geschäftspartner. In diesem Buchladen wurden unter anderem Gebetsbücher und andere religiöse Artikel verkauft. Später stelle ihm sein Partner die Schwester eines Freundes vor. Im Jahr 1923 heiratete er Rodla Papish in Berlin. Im Jahr 1925 wurde das erste Kind Lilly geboren und zwei Jahre später der Sohn Wolfram. Er wurde von allen Bubi genannt. Noch heute nennen ihn seine Enkelkinder so.

In der Grenadierstraße, in dem großen jüdischen Viertel in Berlin, gab es viele Betstuben, kleine Synagogen, koschere Bäckereien, Lebensmittelgeschäfte und Restaurants. Die meisten Leute auf der Straße trugen traditionelle jüdische Kleidung. In dieser Umgebung konnte Hirsch Lewin 1930 sein eigenes Buchgeschäft eröffnen. Im Jahr 1932 zog er um in ein viel größeres Geschäft und in diesem Haus konnte er auch mit seiner Familie wohnen. Es gab viel zu tun und die ganze Familie half in dem Geschäft mit. Im Dezember 1932 wurde das dritte Kind Rivka geboren.

Das Buch- und Schreibwarengeschäft von Hirsch Lewin in der Grenadierstraße 28, außerdem ist auf der Außenreklame schon der Hinweis auf die jüdischen Schallplatten zu sehen.

Foto: bpk

Die heutige Almstadtstraße 10, ehemals Grenadierstraße 28, mit dem Eingang zum Hof. In der Mitte, zwischen den beiden Fenstern, die leicht umgebaute Außenfront des Hauses.

Foto: Prof. Dr. Wolfgang Pfaffenberger


Wolf (Zeev) Lewin (geb. 1927) und Lilly Lewin (geb. 1925) mit Nachbarskindern im Hof der Grenadierstraße 28 (Wolf ganz links, Lilly ganz rechts), aufgenommen circa 1935 - 1939.

Foto: Zeev Lewin (Ramat Gan), Repro: Jens Ziehe

Außerdem begann Lewin in seinem Geschäft jüdische Schallplatten zu verkaufen. Am Anfang veröffentlichte er jüdische Lieder und Ausschnitte bekannter Gebete, die von Kantoren gesungen wurden. Diese Schallplatten importierte er aus Amerika. Später nahm er seine eigenen Schallplatten unter dem Plattenlabel „Semer" auf. Viele junge Künstler arbeiteten für ihn. Und diese Schallplatten wurden für ihn zum großen Verkaufsschlager und seine Veröffentlichungen gingen in die ganze Welt.

Pinkas Lawender singt "Lebka fährt nach Amerika" Teil 1. Am Konzertflügel Max Janowski. Aufnahme von 1930. Diese sehr seltene Platte wurde im Geschäft von Hirsch Lewin in der Gernadierstraße verkauft. Original Schallplatte aus der Sammlung M. Schmidt.

 

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Aber das Leben der Familie wurde immer schwieriger und die Geschäft ging immer schlechter, denn in Deutschland wurde 1933 der „Jüdische Kulturbund" gegründet. Jüdische Künster mussten in diese Organisation eintreten und wurden so auch vom öffentlich künstlerischen Leben ausgeschlossen. Nicht-Juden war es verboten an den Veranstaltungen teilzunehmen, noch war eine Mitwirkung erlaubt. Dadurch wurde jeder kulturelle Austausch unmöglich.

Die Familie Lewin versuchte aus Deutschland auszureisen, aber es war fast unmöglich eine Einwanderungsgenehmigung für ein anderes Land zu bekommen.

In der so genannten „Reichskristallnacht", vom Nazi-Regime organisierte und gelenkte Gewaltmaßnahmen gegen Juden, wurde das Geschäft geplündert und auch all seine Vorlagen für die Schallplatten vernichtet. Die Situation der Juden in Deutschland verschlechterte sich immer weiter. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurden tausende Juden in Konzentrationslager gebracht. Auch Hirsch Lewin wurde in das KZ Sachsenhausen verschleppt. Die Ehefrau von Lewin versuchte alles, um ihren Mann freizubekommen. Sie zahlte Geld an Parteimitglieder, sie versuchte Polizei und Behörden von der russischen Herkunft ihres Mannes zu überzeugen. Was genau zur Freilassung geführt hat, ist nicht bekannt. Aber im März 1940 wurde er aus dem KZ entlassen.

Die Bedingung für seine Freilassung war, dass er Deutschland innerhalb von ein paar Tagen verlassen musste. Er ging in die Tschechoslowakei und versuchte von da aus mit einem Schiff Jugoslawien, Rumänien, Bulgarien oder Ungarn zu erreichen. Kein Land ließ den Flüchtling einreisen. Nach vielen Monaten erfolgloser Landeversuche, versuchte er mit einem Boot aus den Schwarzen Meer ins Mittelmeer zu gelangen. Das Boot kenterte und Lewin wurde in Italien interniert.

Zusammen mit einem Teil seiner Familie, die auch aus Berlin fliehen konnte und sich nun in Italien traf, konnte Hirsch Lewin aus dem Internierungslager entkommen. Mit einem britischen Truppentransporter erreichten sie im Juli 1944 Palästina. Alle Familienmitglieder trafen sich, nach zum Teil jahrelanger Flucht, dort wieder.

 

Ausschnitte aus der Biografie der Familie Lewin, geschrieben von Zeev Lewin.

Die Familienfotos wurden von Zeev Lewin (Ramat Gan, Israel) zu Verfügung gestellt. Vielen Dank!